Hessisch Lichtenau: Schloss Lenoir vor dem Wandel – Letzter Blick auf ein historisches Ensemble
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Hessisch Lichtenau: Schloss Lenoir vor dem Wandel – Letzter Blick auf ein historisches Ensemble

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Fürstenhagen – Ein besonderer Tag für Fürstenhagen und ein Stück nordhessischer Geschichte: Das historische Schloss Lenoir, auch als Lenoirstift bekannt, hat am heutigen Sonntag, 13. September 2026, zum „Tag des offenen Denkmals“ noch einmal seine Tore für die Öffentlichkeit geöffnet. Bis 18 Uhr konnten Besucher das ansonsten seit Jahren weitgehend verschlossene Gelände betreten, die historischen Gebäude besichtigen und einen Blick hinter die Mauern des außergewöhnlichen Ensembles werfen.

Doch der diesjährige Denkmaltag war mehr als nur eine Gelegenheit zur Besichtigung. Es war zugleich die letzte öffentliche Öffnung vor dem Beginn der umfangreichen Sanierungsarbeiten. Bereits Mitte September sollen die ersten Arbeiten beginnen. Das historische Ensemble wird in den kommenden Jahren denkmalgerecht saniert und anschließend zu Wohnraum umgenutzt. 

Damit konnten Besucher das Schloss heute noch einmal in einem Zustand erleben, der sich in Zukunft deutlich verändern wird.

Eine Geschichte, die 1893 begann

Die Geschichte des Lenoirstifts reicht bis ins Jahr 1893 zurück. Damals gründete der Kasseler Unternehmer und Mäzen George André Lenoir gemeinsam mit seinem Bruder Conrad die Stiftung zur Erziehung von Waisen.

Lenoir, der 1825 geboren wurde, hatte ein beträchtliches Vermögen erworben und wollte dieses für einen sozialen Zweck einsetzen. Seine Idee war für die damalige Zeit außergewöhnlich: Kinder sollten unabhängig von Konfession, Herkunft und Landeszugehörigkeit ein Zuhause, Bildung und eine Perspektive für ihr späteres Leben erhalten.

Die Stiftung trug den Namen:

„Stiftung der Brüder George und Conrad Lenoir zur Erziehung von Waisen ohne Rücksicht auf Konfession, Orts- und Landeszugehörigkeit“.

Ursprünglich sollte die Einrichtung in Kassel entstehen. Da sich dort jedoch kein geeignetes Grundstück fand, fiel die Wahl schließlich auf das Gut Teichhof bei Fürstenhagen, das heute zur Stadt Hessisch Lichtenau gehört.

Lenoir erwarb den umfangreichen Besitz und schuf damit die Grundlage für seine Stiftung. Der landwirtschaftliche Betrieb sollte unter anderem zur Finanzierung und Versorgung der Einrichtung beitragen.

Vom Gut zur großen Stiftungsanlage

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm das Vorhaben konkrete Formen an.

1903 wurde zunächst mit dem Bau des Mausoleums der Familie Lenoir begonnen. Wenige Jahre später folgten die eigentlichen Gebäude des Lenoirstifts.

Die zwischen 1903 und 1909 entstandene Anlage besteht aus mehreren historischen Gebäuden und einer großzügigen Parkanlage. Architektonisch prägen unter anderem Sandsteinfassaden, aufwendig gestaltete Giebel und eine markante historische Dachlandschaft das Erscheinungsbild. Das Ensemble steht heute unter Denkmalschutz. 

Dabei war das Lenoirstift von Anfang an kein klassisches Schloss und kein Adelssitz. Vielmehr entstand hier ein sozialer Ort, an dem Waisenkinder in familienähnlichen Gruppen aufwachsen und auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden sollten.

1909 ziehen die ersten Kinder ein

Im Jahr 1909 wurden die Waisenhäuser in Fürstenhagen eröffnet.

Die Chronik, die heute am Gelände über die Geschichte des Lenoir-Anwesens informiert, zeigt eindrucksvoll, wie schnell sich die Einrichtung entwickelte. Bereits 1910 hatte sich die Zahl der Kinder verdoppelt. Im Jahr 1911 waren laut Chronik bereits Schenkungen in Höhe von rund fünf Millionen Mark eingegangen.

George André Lenoir konnte die Eröffnung seines Lebenswerks noch selbst miterleben. Er besuchte die Einrichtung regelmäßig und verfügte dort sogar über ein eigenes Stifterzimmer.

Am 8. Oktober 1909 feierte Lenoir gemeinsam mit den Kindern noch den Geburtstag seines Vaters. Nur wenige Wochen später, am 2. November 1909, starb er im Alter von 84 Jahren in Meran.

Am 9. November wurde er im Mausoleum auf dem Gelände in Fürstenhagen beigesetzt. Dort fanden auch seine Eltern, sein Bruder Conrad sowie weitere Personen ihre letzte Ruhestätte. 

Krieg, Inflation und immer neue Nutzungen

Die Geschichte des Lenoirstifts verlief anschließend keineswegs geradlinig.

Die heute am Gebäude angebrachte Chronik dokumentiert eindrucksvoll, wie häufig sich die Nutzung des Geländes im Laufe des vergangenen Jahrhunderts änderte.

1918 bis 1923 verlor die Stiftung ihr Kapital durch die Inflation.

Ab 1927 wurde das Gelände als Kindererholungsheim der Stadt Kassel genutzt.

Während der Zeit des Nationalsozialismus folgten weitere Veränderungen. Zwischen 1935 und 1941 war dort eine Gebietsführerschule der Hitlerjugend untergebracht. Gleichzeitig beziehungsweise anschließend wurde ein Teil der Anlage als Kindergarten der NS-Volkswohlfahrt genutzt.

Mit dem Zweiten Weltkrieg kam erneut eine völlig andere Nutzung hinzu. Von 1939 bis 1945 diente das Anwesen unter anderem als Reservelazarett der Wehrmacht sowie als Krankenstation für Mitarbeiter eines Munitionswerks.

Von Juli 1945 bis Januar 1946 war dort außerdem eine Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt) untergebracht.

Nach dem Krieg nutzte die amerikanische Armee das Gelände von 1945 bis 1949 als Lager „Gold Cup“. Zwischen 1946 und 1949 wurden zudem jüdische Displaced Persons in der Anlage untergebracht.

Vom Kinderheim zur Fachschule

Auch nach den Kriegsjahren blieb das Gelände ein Ort sozialer und pädagogischer Nutzung.

1950 zog das Auguste-Förster-Haus in die Lenoir-Gebäude ein.

Von 1960 bis 1983 befand sich dort die Elisabeth-Knipping-Schule, eine Fachschule für Sozialpädagogik.

1969 wurde außerdem das Gut Teichhof mit anteiligem Grundbesitz an die Stadt Hessisch Lichtenau verkauft. Der Teichhof wird laut der historischen Chronik heute als Bauhof der Kommune genutzt.

Eine ungewöhnliche Episode ereignete sich 1979: Am 14. Mai wurden die Büsten von George André Lenoir und Conrad Lenoir gestohlen. Laut Chronik konnten die Kunstwerke wenige Tage später, am 22. Mai, wieder sichergestellt werden.

1984 endet die Zeit als Kinderheim

Ein wichtiger Einschnitt folgte 1984. Das Auguste-Förster-Haus zog nach Kassel um. Damit endete die jahrzehntelange Nutzung des Anwesens als Kinderheim beziehungsweise sozialpädagogische Einrichtung.

1994 wurden die Waisenhäuser an das Land Hessen verkauft. Anschließend wurden die Gebäude als Landesflüchtlingswohnheim genutzt.

2008 folgte erneut ein Eigentümerwechsel: Die Gebäude mit dem dazugehörigen Grundbesitz wurden im Rahmen einer Auktion von einem Investor erworben.

In den folgenden Jahren wurde es jedoch zunehmend still auf dem weitläufigen Gelände. Die Gebäude standen lange Zeit weitgehend leer und entwickelten sich zu einem für die Öffentlichkeit verschlossenen, teilweise beinahe vergessenen historischen Ort.

Nun beginnt ein neues Kapitel

Nach Jahren des Leerstands soll das Lenoir-Anwesen nun aus seinem Dornröschenschlaf erwachen.

Das historische Ensemble wird denkmalgerecht saniert und zu einer Wohnanlage umgebaut. Nach den aktuellen Planungen sollen insgesamt 75 Eigentumswohnungen in den historischen Gebäuden entstehen. 

Dabei soll die historische Bausubstanz erhalten und mit einer modernen Nutzung verbunden werden. Geplant sind unter anderem zeitgemäße Wohnkonzepte, eine weitgehend barrierearme Gestaltung sowie moderne Energieversorgung. 

Bereits vor Beginn der Arbeiten war angekündigt worden, dass der erste Bauabschnitt am ehemaligen Mädchenhaus unmittelbar nach dem Tag des offenen Denkmals starten soll. 

Letzter öffentlicher Blick auf das historische Ensemble

Genau deshalb hatte der heutige Tag des offenen Denkmals eine besondere Bedeutung.

Zum letzten Mal vor der Sanierung konnten Besucher durch die historischen Gebäude gehen, sich über die Geschichte informieren und die Architektur des Lenoirstifts aus nächster Nähe erleben.

Führungen, Informationen zur Geschichte und Architektur sowie verschiedene Angebote rund um das Gelände machten den heutigen Tag zu einer besonderen Gelegenheit. Auch das nahegelegene Mausoleum der Familie Lenoir gehört zur Geschichte des Ensembles. 

Das Interesse war entsprechend groß. Denn für viele Besucher war es möglicherweise die erste und gleichzeitig letzte Gelegenheit, das Lenoir-Anwesen in seinem bisherigen Zustand von innen zu sehen.

Über Jahrzehnte war der Zugang für die Öffentlichkeit stark eingeschränkt. Nun standen die Türen noch einmal offen – bevor die Handwerker, Planer und Baufirmen übernehmen.

Mehr als nur ein altes Gebäude

Das Lenoir-Anwesen ist dabei weit mehr als ein historisches Gebäude.

Es erzählt die Geschichte eines Unternehmers, der sein Vermögen dafür einsetzte, Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Es erzählt von Waisen und Pädagogik, von gesellschaftlichem Wandel und von den dunklen Jahren des Nationalsozialismus. Es erinnert an Krieg, Flucht und die Nachkriegszeit und zeigt gleichzeitig, wie sich historische Gebäude immer wieder an neue gesellschaftliche Bedürfnisse angepasst haben.

Und auch die ursprüngliche Stiftung ist nicht vollständig verschwunden.

Wie auf der historischen Chronik des Bürgervereins Fürstenhagen vermerkt ist, unterhält die Lenoir-Stiftung bis heute das Mausoleum in Fürstenhagen und unterstützt finanziell soziale Projekte in der Stadt Kassel.

Abschied vom alten Schloss – Beginn einer neuen Zukunft

Mit dem heutigen Tag ging damit ein ganz besonderer Abschnitt in der Geschichte des Lenoir-Anwesens zu Ende.

Bis 18 Uhr standen die Tore am 13. September 2026 noch einmal für die Öffentlichkeit offen. Danach beginnt der nächste große Abschnitt der Geschichte.

Das Erscheinungsbild wird sich durch die Sanierung verändern, die Räume werden eine neue Funktion bekommen und aus dem ehemaligen Waisenhaus soll ein modernes Wohnensemble entstehen.

Die Geschichte des Ortes bleibt jedoch bestehen – in den Gebäuden, im Park, im Mausoleum und in den Erinnerungen der Menschen, die mit dem Lenoirstift verbunden sind.

Mehr als 120 Jahre nach der Gründung der Stiftung steht Schloss Lenoir damit erneut an einem Wendepunkt: Aus einem Ort für Waisenkinder wird ein Ort zum Wohnen. Die Mauern bleiben – doch ihre Geschichte bekommt ein neues Kapitel.

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Foto/Fotostrecke: © 2026 - Hessennews TV / Pascal Göng

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